Im österreichischen Recht versteht man unter dem Gutachtenstil eine bestimmte Art und Weise der juristischen Fallbearbeitung und Begutachtung, die sich vor allem an der gründlichen und systematischen Darstellung eines Sachverhalts orientiert. Anders als der Urteilsstil, der oftmals in der Praxis angewendet wird, legt der Gutachtenstil besonderen Wert auf die umfassende rechtliche Würdigung und die transparente Herleitung der rechtlichen Schlussfolgerungen. Dies wird insbesondere in universitären Prüfungen und juristischen Hausarbeiten angestrebt, um die gedankliche Klarheit und methodische Gründlichkeit des Verfassers zu evaluieren.
Im Gutachtenstil beginnt die Bearbeitung typischerweise mit der Darstellung des Sachverhalts, gefolgt von der Identifikation der relevanten Rechtsfragen. Es wird sodann eine gründliche Prüfung der einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen vorgenommen. In jedem Schritt des Gutachtenstils wird darauf geachtet, die Logik der Argumentation klar erkennbar zu machen. Nach der Analyse der rechtlichen Situation wird schließlich eine schlüssige Schlussfolgerung präsentiert.
Ein Grundpfeiler des Gutachtenstils ist die Heranziehung und Auslegung von gesetzlichen Normen. Die relevante Prüfung richtet sich nach den allgemeinen Auslegungsregeln, wie sie etwa im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB) oder in der Zivilprozessordnung (ZPO) zu finden sind, ohne dass konkrete Paragrafen spezifiziert werden müssen. Der Fokus liegt darauf, durch die Auslegung den Sinn und Zweck der Normen zu erfassen und auf den konkreten Fall anzuwenden.
Beispielhaft sei hier auf das Prinzip der teleologischen Auslegung hingewiesen, das besagt, dass bei Auslegungen der Normen auf deren Ziel und Zweck abgestellt werden muss. Im Gutachtenstil kommt dem also besondere Bedeutung zu, um etwa unterschiedliche mögliche Interpretationen eines Gesetzes zu erörtern und gegeneinander abzuwägen.
Zusammengefasst zeichnet sich der Gutachtenstil durch seine systematische, umfassende und detaillierte Herangehensweise an rechtliche Fragestellungen aus, wobei alle Argumentationsstränge klar und nachvollziehbar dargestellt werden, ohne vorschnelle Schlüsse zu ziehen oder Aspekte zu übergehen.